STRASSENBAHN

Niederflurtriebwagen der Type B, Wagennummer 601. (Foto: Harald Marincig)

Am 4. Oktober 1865 wurde die erste Pferdetramway Wiens vom Schottentor nach Hernals eröffnet. Trotz des funktionierenden Betriebes wurde es durch die Erfolge der ständig fortschreitenden Technik bald klar, daß Pferde für ein leistungsfähiges Verkehrsmittel nicht die richtige Antriebskraft sind.

Die erste Dampftramwaystrecke Wiens konnte aber erst am 27. Oktober 1883 in Betrieb genommen werden, jedoch konnte sich auch diese Betriebsform nicht durchsetzen. Erst die elektrische Energie konnte den entscheidenden Durchbruch bezüglich Wirtschaftlichkeit und Betriebssicherheit erbringen.

Die erste elektrische Straßenbahnstrecke Wiens, die am 28. Jänner 1897 den Betrieb aufnahm, entsprach im Streckenverlauf der heutigen Linie 5.

In den nächsten Jahren wurde das Pferdebahnnetz rasch elektrifiziert, sodaß die letzte Pferdetramway Wiens bereits 1903 von der "Elektrischen" abgelöst werden konnte, die letzte Dampftramway hingegen fuhr noch bis 1922.

Alle von den Waggonfabriken ausgelieferten elektrischen Triebwagen hatten ursprünglich offene Plattformen, die für das Fahrpersonal speziell im Winter harte Arbeitsbedingungen brachten. Erst ab 1910 wurden neu gebaute Wagen durchwegs mit geschlossenen Plattformen geliefert, die Verglasung der Plattformen bereits vorhandener Personentriebwagen konnte jedoch erst 1930 abgeschlossen werden.

Im Ersten Weltkrieg blieb die Wiener Straßenbahn zwar von direkten Kampfhandlungen verschont, durch den herrschenden Mangel war der Betrieb aber sehr schwer durchzuführen. So mußten zum Beispiel ab 1916 die Tätigkeiten der eingerückten Fahrer und Schaffner teilweise von Frauen übernommen werden.

In der Zwischenkriegszeit erreichte das Wiener Straßenbahnnetz mit 292 Streckenkilometern seine größte Ausdehnung und mit der Inbetriebnahme der Wagentype "M" wurde ein Meilenstein in der Wagenkonstruktion gesetzt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen mußte der Straßenverkehr Wiens ab 19. September 1938 von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt werden.

Daß gerade in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges, einer Zeit der Entbehrungen, absolute Beförderungs-Höchstleistungen erbracht werden konnten, grenzt fast an ein Wunder: Im Jahre 1943 wurden 732 Millionen Fahrgäste befördert, der Personalstand betrug im Jahr 1944 fast 18.000 Bedienstete! Zu Kriegsende waren fast alle der etwa 4.000 Straßenbahnwagen mehr oder weniger stark beschädigt, nahezu 400 mußten ausgeschieden werden.

Bis zur Lieferung der ersten Neubaufahrzeuge im Jahr 1951 konnten vorerst nur beschädigte Wagen repariert oder rekonstruiert werden.

Nach einigen Versuchskonstruktionen wurde mit den ab 1959 gebauten sechsachsigen Gelenktriebwagen der Typen "E" und "E1", von denen bis zum Jahr 1976 insgesamt 427 Exemplare gebaut wurden, eine richtungsweisende Fahrzeugtype geschaffen. Eine große Aufgabe, die aus Gründen der Wirtschaftlichkeit durchgeführt werden mußte, war die Inbetriebnahme von schaffnerlosen Beiwagen ab 1964 und schaffnerlosen Triebwagen (= Einmannbetrieb) ab 1972. Die weiteren Fahrzeugkonstruktionen konzentrierten sich, da nun das optimale Betriebskonzept gefunden war, hauptsächlich auf die Erhöhung des Fahrkomforts. Nach dem Einbau von Lärmdämmungseinrichtungen sind die modernen Straßenbahnwagen zur "Flüstertramway" geworden. Die zukünftigen Wagenbauarten werden mit einer vollkommen neuen Antriebstechnik ausgestattet und im Sinne des Fahrgastkomforts in Niederflurbauweise entstehen.

Die Wiener Straßenbahn hat im Gegensatz zu vielen "modernen" Großstädten, welche die Straßenbahn als "veraltetes" oder "unzulängliches" Verkehrsmittel voreilig abgeschafft haben und dies heute vielfach bereuen, eine positive Zukunft, da ihr der im Gefüge des öffentlichen Verkehrs zustehende, hohe Stellenwert - zwischen U-Bahn und Bus eingeräumt wird.

Alle Schwarz/weiß-Fotos: Archiv der Wiener Linien
Alle Farb-Fotos: Harald Marincig.