Die Neusiedler Seebahn AG

Am Bahnhof Pamhagen - Anbringen des Zugleitschildes für einen Personenzug nach Neusiedl am See. (Foto: Sammlung ROeEE AG)
LR 18 auf der ungarischen Strecke. (Foto: Unbekannt)
Diese Korbsignale aus der Gründerzeit haben sich sehr lange gehalten, ehe sie durch die modernen Formsignale eretzt wurden. (Foto: 20er Jahre, Sammlung ROeEE AG)

Durch die Eröffnung der Raab-Oedenburg-Ebenfurter Eisenbahn (ROeEE) hatten das Komitat und die Stadt Ödenburg in Ost-West-Richtung eine Eisenbahnverbindung mit Budapest und Wien; es fühlte jedoch eine entsprechende Verkehrsader nordwärts, Richtung Preßburg.

Das erste Eisenbahnprojekt, welches die Gegend rings um den Neusiedler See erschließen sollte, stammt aus dem Jahr 1873, doch fiel es der Wirtschaftskrise der Doppel-Monarchie zum Opfer.

Mit dem allgemeinen finanziellen und wirtschaftlichen Aufschwung der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts setzte bald wieder eine rege Eisenbahnbautätigkeit ein. So wurden im königlich-ungarischen Handelsministerium im Jahr 1892 gleich mehrere Ansuchen eingereicht, um die Bewilligung für Vorarbeiten von Lokaleisenbahnen entlang des Neusiedler Sees zu erhalten.

In dem im Mai und Juni 1892 eingereichten Ansuchen lag der Schwerpunkt zwar bei der Errichtung einer Bahn, welche Ödenburg und Preßburg verbinden sollte; man erkannte aber schon die Notwendigkeit der Erschließung der Seegemeinden auf dem östlichen Ufer des Neusiedler Sees und in allen beiden Vorhaben sah man schon die Erbauung einer Flügelbahn, ausgehend von Neusiedl über Weiden, Gols und Mönchhof bis Frauenkirchen, vor.

Sinn und Zweck dieses Bahnbaues war im wesentlichen eine Verbesserung der bis knapp vor die Jahrhundertwende noch sehr dürftigen Verkehrsverhältnisse in den weiten Gebieten östlich des Neusiedler Sees. Vor allem die in diesen Landesteilen ansässigen großen Gutshöfe verlangten nach einer Eisenbahnverbindung, um ihre Produkte - besonders Zuckerrüben und Getreide - zu den Verbrauchsstätten abtransportieren zu können.
Bei einem anderen Vorhaben, für welches im September 1892 die Bewilligung erteilt worden war, handelt es sich um eine Linie, die von der Station Eszterháza-Fertö-Szt. Miklós (heute Fertöszentmiklós) der GySEV ausgehend über Sarród, Pamhagen, Wallern und St. Andrä ebenfalls nach Frauenkirchen führen sollte.

In den folgenden Jahren wurde aber aus der geplanten Verbindung Ödenburg-Preßburg, wie auch aus deren Flügelbahn, nichts. Das Vorhaben Eszterháza-Frauenkirchen konnte gleichfalls nicht finanziert werden. Im Jahr 1895 wurde der ehemalige Obergespan von Eisenburg, Koloman von Radó, zum Vorsitzenden der GySEV R. T. gewählt. Er übernahm im April 1895 die Vorarbeitsrechte für die Strecke Ödenburg-Preßburg und auch für das Vorhaben Eszterháza-Frauenkirchen.

Radó konnte sowohl die Stadt als auch das Komitat Ödenburg für seine Pläne gewinnen. Das Projekt über - wurde fallen gelassen, denn die Stadt Ödenburg hatte Bedenken, daß der für sie wichtige Verkehr auf der künftigen Strecke Ödenburg-Preßburg durch die andere Verbindung über Kapuvár mit Preßburg zurückgehen würde.

Auch die finanzielle Lage war recht günstig, denn Radó war gleichzeitig Vorsitzender des Budapester Bankvereins, welcher seinerseits die Interessen der Münchner Localbahn A. G. in Ungarn vertrat.

Am 15. November 1896 wurde vom königlich-ungarischen Handelsministerium die Konzessionsurkunde für die Neusiedlersee-Local-Eisenbahn unterschrieben.

Die konstituierende Generalversammlung der "Fertövidéki Helyi Erdekü Vasut R.T." (zu deutsch "Neusiedler Seebahn A. G.") fand am 31. März 1897 in Budapest statt.

Am 30. Juli desselben Jahres wurden die Statuten unterzeichnet und das Aktienkapital wurde mit 4,336.900 Gulden festgesetzt. Hiervon entfielen Fl. 1,282.800 auf Stammaktien und Fl. 3,054.100 auf Prioritätsaktien. Erstere übernahm das königlich-ungarische Handelsministerium als Vertreter des Staates sowie die von der Bahn zu durchfahrenden Komitate und Gemeinden, außerdem Private. Die Prioritätsaktien übernahm zur Gänze die Raab-Oedenburg-Ebenfurter Eisenbahn AG (die Mittel hiefür besorgte sie sich durch Emission von 3%igen Prioritätsobligationen). Diese war auch der Bauherr dieser Eisenbahnlinie. Noch im Jahr 1897 wurde der Bau der Eisenbahnlinien der Neusiedler Seebahn AG fertiggestellt und der GySEV R. T. die Betriebsbewilligung für diese Bahn erteilt.


Am 19. Dezember 1897 fand die feierliche Eröffnung der Neusiedler Seebahn ganz im Schatten der fast zur gleichen Zeit stattfindenden Eröffnung der Strecke Ödenburg-Pressburg statt.

Um täglich einen Personenzug und ein gemischtes Zugpaar zwischen Klein-Czell (nun Celldömölk) und Parndorf führen zu können, mußte die GySEV R.T. die auf Grund eines Betriebsführungsvertrages notwendigen Betriebsmittel (7 Schlepptenderlokomotiven und insgesamt 105 Personen- und Güterwagen) erst anschaffen. Die Linie der Neusiedler Seebahn AG von Klein-Czell über Neusiedl bis Parndorf war 111,2 km lang, hatte 5 Stationen, 3 Verlade-Stationen, 1 Haltestelle, 2 Verladehaltestellen, 3 Wasser-Stationen und auch 2 Schleppbahnen. (Am Rande bemerkt: für die gesamte Strecke benötigte damals ein Personenzug bis zu 7 Stunden und heute fährt er von Pamhagen bis Neusiedl am See in 45 Min.).

In den ersten Jahren Ihres Bestehens war die Lokalbahn nicht gewinnbringend, für die GySEV R. T. jedoch als "Zulieferer" wichtig. Während des Ersten Weltkrieges gewann die Bahn sowohl als Personen- wie auch als Güterverkehrsmittel an Bedeutung. Das Heu des Seewinkels war ein gefragtes Produkt und Kriegsgefangenentransporte eine tägliche Aufgabe der Bahn.