Es war einmal

Eröffnungsfahrt der Strecke bis Lauterbachmühle am 8. August 1905 - Ausfahrt im Bahnhof Frankenfels (Foto: Sammlung Fahrngruber).
Noch vor der Eröffnung des Personenverkehrs am 23. März 1907 im Bahnhof Mariazell (Foto: Sammlung Manfred Feischl).
Das Innenleben des Salonwagens, mit dem Kaiser Franz Josef I. am 24. 9. 1910 nach Mariazell fuhr (Foto: ÖBB-Archiv).
Alte Ausführung der E-Lok 1099, wie sie von 1911 bis zu ihrem Umbau 1959 verwendet wurde (Foto: ÖBB-Archiv).
Fahrt mit der großen Tretdraisine im Bahnhof Annaberge in den dreißiger-Jahren (Foto: Wenzelburger, Sammlung Gemeinde Mitterbach).
Frauen im Kriegseinsatz - Mai 1941 (Foto: Blandine Ebner, Fotosammlung Ebner).

Schon zur Zeit der Inbetriebnahme der Westbahnstrecke im Jahr 1858 gab es Projekte für eine Flügelbahn von St. Pölten nach Mariazell. Dieser berühmte Wallfahrtsort war bereits weit vor der Jahrhundertwende - die Landeshauptstädte ausgenommen - einer der verkehrsreichsten Orte Österreichs. Jährlich kamen bis zu 90.000 Pilger nach Mariazell. Die höchste jemals erreichte Pilgerzahl lag bei 373.000 im Jahr 1757 anläßlich der 600-Jahr-Feiem.

  • 1871 Pläne für eine Alpenbahn St. Pölten - Mariazell - Bruck/Mur.

  • 6. Februar 1895 Der niederösterreichische Landtag beschloß - aus Gründen der Kostenminderung im schwierigen alpinen Gelände - den Bau einer schmalspurigen Bahn, die unter der Bezeichnung "Pielachtalbahn" vorerst von St. Pölten bis Kirchberg an der Pielach führen sollte. Eine Zweiglinie wurde von Ober Grafendorf nach Mank vorgesehen. Die Betriebsführung der Pielachtalbahn wurde den landeseigenen niederösterreichischen Landesbahnen übertragen. Der erste Spatenstich erfolgte am 21. November 1896 in Kirchberg an der Pielach. Die Abfahrtstelle in St. Pölten wurde am Bahnhofsvorplatz in der Khittelstraße errichtet.

  • 4. Juli 1898 Betriebsaufnahme der Strecke St. Pölten - Kirchberg an der Pielach. Noch während des Baues wurde eine Verlängerung der Strecke über Mariazell bis Gußwerk geplant.

  • 1904 Weiterbau.

  • 6. August 1905 Betriebsaufnahme auf der Strecke Kirchberg an der Pielach - Laubenbachmühle.

  • 17. Dez.1906 Laubenbachmühle-Mariazell (nur Güterverkehr).

  • 2. Mai 1907 Laubenbachmühle-Mariazell (Gesamtverkehr).

  • 15. Juli 1907 Mariazell - Gußwerk (eingestellt 28. Mai 1988). Neuer Name der Bahn "Niederösterreichisch-Steirische Alpenbahnen", im Volksmund allgemein nur als "Alpenbahn" oder "Mariazellerbahn" bezeichnet. Wegen der unwirtschaftlichen, schwierigen und kapazitätsmäßig ausgeschöpften Betriebsführung mit Dampflokomotiven im alpinen Gelände wurde sehr bald die Elektrifizierung angestrebt.

  • 1909 Beginn der Elektrifizierung.

  • 27. März 1911 Elektrischer Betrieb Laubenbachmühle -Wienerbruck.

  • 7. Oktober 1911 Elektrischer Betrieb St. Pölten-Laubenbachmühle und Wienerbruck-Gußwerk.

Die Mariazellerbahn war eine der ersten Eisenbahnen der Weit, die mit Einphasen-Wechselstrom und einer Fahrdrahtspannung von 6500 V/25 Hz betrieben wurde. Sie war die erste öffentliche Schmalspurbahn Österreichs mit Elektrolokomotivbetrieb. Die Stromversorgung erfolgte aus einem eigenen Kraftwerk in Wienerbruck (=Stierwaschboden). Bis heute erhält es die Wasserkräfte aus zwei Staubecken (Stausee Wienerbruck: 300.000 qm3 und Erlaufklause-Stausee: 2,000.000 qm3 Wasserinhalt) zugeführt. Das Kraftwerk liegt auf dem Niveau der Erlauf, die tief eingeschnitten im Stierwaschboden fließt. Um den Baumaterialtransport und die Versorgung der beim Kraftwerksbau beschäftigten Arbeiter zu erreichtem, wurde ein Schrägaufzug vorerst unmittelbar hinter dem Turbinengebäude errichtet. Nach Bauende abgetragen und an anderer Stelle neu aufgebaut, dient er auch heute für den Ersatzteil-Transport und als Beförderungsmittel für die im Kraftwerk Beschäftigten.

Erbauer der Mariazellerbahn war Ing. Josef Fogowitz, der allerdings für seine wirklich großartigen Leistungen - in typisch österreichischer Tradition - keinerlei Dank erntete. Statt dessen wurde er mit nur 50 Jahren aus der Verwaltung der Bahn hinausgeekelt. Sein Nachfolger wurde Ing. Eduard Engelmann, dem die bekannte Kunsteisbahn in Wien-Hernals gehörte. Er betrieb mit Nachdruck eine weitere Eisenbahn-Pioniertat: die Elektrifizierung der Mariazellerbahn. Mit dieser Leistung wurde er ebenfalls nachweltberühmt, obwohl er ein ähnliches Schicksal bei der Bahn erlitt, wie sein Vorgänger Fogowitz. Als Kaiser Franz Joseph I. bald nach Aufnahme des elektrischen Betriebes eine Besichtigungsfahrt mit dem Salonwagen nach Mariazell unternahm, konnte er sich nicht einmal sein literaturbekanntes, stereotypes "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut" abfingen. Er ließ Engelmann unbedankt ob dieser für die damalige Zeit einmaligen, technischen Leistung, über die die ganze Welt staunte.

Die Fahrgastfrequenz der Bahn war für heutige Begriffe nahezu unvorstellbar. 1912 wurden etwa an einem einzigen Tag 10.000 Wallfahrer innerhalb von 12 Stunden mit 25 Zügen befördert. Während heute der Güterverkehr im Abschnitt Schwarzenbach an der Pielach-Mariazell gänzlich eingestellt ist, wurden im Jahr 1909 150.000 t Fracht befördert. Darunter waren Massengüter wie Holz, Zement (aus Tradigist), Lohe, Erz (vom Gollrad), Gips (aus Reith), Kohle usw.
Ab 1908 wurden für den Reisezugverkehr, der vordem mit zweiachsigen Personenwagen geführt worden war, neue vierachsige Wagen beschafft. Die Streckenhöchstgeschwindigkeit betrug damals 40 km/h (heute 45 km/h, bei Probefahrten wurden schon bis 70 km/h erreicht). Nach dem 1. Weltkrieg hatte sich die wirtschaftliche Lage der Bahn allerdings sehr verschlechtert, sodaß die Niederösterreichischen Landesbahnen - um den drohenden Konkurs zu vermeiden - im Jahr 1922 die Mariazellerbahn an die Österreichischen Bundesbahnen übergaben. Als Kuriosum hat sich jedoch- historisch bedingt die Stromversorgung der Mariazellerbahn nicht durch die ÖBB-eigenen Bahnstromkraftwerke, sondern durch die Niederösterreichische Landesgesellschaft EVN erhalten.